Sinnkrise: Bist du wirklich in einer?

Irgendwann, meist spät abends, tippt jemand "Sinnkrise" in die Suchleiste. Vielleicht bist du das gerade. Schon das Eintippen fühlt sich surreal an, fast so, als würde man vor sich selbst zugeben, dass etwas Großes nicht stimmt.

Dass das Wort selbst schon so dramatisch klingt, ist kein Zufall und keine persönliche Schwäche, sondern auch ein Zeichen unserer Zeit: Sprache ist insgesamt dramatischer geworden. Medien brauchen immer größere Superlative, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, und das färbt ab, bis in die Suchleiste hinein. Auch in Coachings begegnet mir das immer wieder: hochdramatische Formulierungen, gerne mit Anglizismen gespickt, oft begleitet von einer Selbstdiagnose, die vorher ergoogelt oder von einer KI vorgeschlagen wurde.

Hier kommt die erste Entlastung: Das Wort "Sinnkrise" klingt dramatischer, als es in den meisten Fällen ist. Eine der wenigen repräsentativen deutschen Untersuchungen zum Thema fand heraus, dass nur rund 4 Prozent der Menschen die strengen Kriterien einer echten Sinnkrise erfüllen.

Die große Mehrheit derer, die das Wort benutzen, meint etwas anderes: Erschöpfung, eine diffuse Unzufriedenheit, einen Moment des Innehaltens. Für genau dieses diffuse Gefühl gibt es im Deutschen noch nicht einmal ein eigenes Wort, dazu gleich mehr. Das macht das, was du fühlst, nicht weniger real, aber es nimmt dem Wort seine Wucht.

Wo stehst du wirklich? Fünf Zustände im Vergleich

Der Begriff "existenzielle Krise" wird oft synonym zur Sinnkrise benutzt, hat aber keine feste wissenschaftliche Definition. "Existenziell" bedeutet hier, dass nicht nur ein einzelner Lebensbereich betroffen ist, sondern die eigene Existenz als Ganzes infrage steht, meist ausgelöst durch große Veränderungen oder Erkenntnisse. 

Um genauer hinzuschauen, lässt sich das, was dahinterstecken kann, in fünf Zustände auffächern. Das ist keine trennscharfe wissenschaftliche Klassifikation, die fünf stammen aus unterschiedlichen Forschungstraditionen und können sich durchaus überschneiden, aber als erste Orientierung helfen sie trotzdem weiter. Lies sie einmal durch, vielleicht wirst du dich ja in einem davon wiederfinden:

1. Languishing

Der US-Soziologe Corey Keyes prägte den Begriff bereits 2002, lange bevor er während der Pandemie populär wurde. Gemeint ist ein Gefühl von Flachheit, Stagnation und fehlendem Antrieb, das zwischen echtem Wohlbefinden und einer Depression liegt, ohne dass eine klinische Erkrankung vorliegt. Keyes unterscheidet Wohlbefinden ausdrücklich von der bloßen Abwesenheit einer Erkrankung: Man kann körperlich und seelisch "nicht krank" sein und trotzdem languishen. Kurz gesagt: nicht krank, aber auch nicht wirklich lebendig. Ein deutsches Wort dafür gibt es bis heute nicht, am ehesten passt die diffuse Unzufriedenheit, die die meisten eigentlich meinen, wenn sie "Sinnkrise" googeln. 

Was hilft: oft schon kleine, bewusst gewählte Aktivitäten, die Neugier oder Verbundenheit wecken, nicht die große Lebensumkehr. Keyes beschreibt in seinem Buch fünf "Vitamine" gegen das Languishing:

  • Lernen: der eigenen Entwicklung eine Geschichte geben, sich selbst als wachsend und lernend erleben
  • Verbinden: warme, vertrauensvolle Beziehungen aufbauen
  • Annehmen: die unvermeidlichen Wendungen des Lebens annehmen, statt gegen sie anzukämpfen
  • Helfen: den eigenen Sinn finden, auch und gerade im ganz Alltäglichen, Unscheinbaren
  • Spielen: aus der Zeit heraustreten, im Tun aufgehen, ohne auf die Uhr oder das Ergebnis zu schauen

Alle fünf lassen sich im Alltag klein anfangen: ein neues Thema, ein Instrument, ein Spaziergang ohne Ziel, ein kleiner Gefallen.

2. Echte Sinnkrise

In der Sinnforschung ein präzise untersuchter Zustand: ein anhaltendes, über Lebensbereiche hinweg spürbares Gefühl der Sinnlosigkeit (dass die eigenen Handlungen, Beziehungen oder das Leben insgesamt keinen erkennbaren Wert mehr haben), verbunden mit echtem Leidensdruck. Trifft, wie oben erwähnt, nur auf etwa 4 Prozent der Menschen zu. Den psychologischen Kern dahinter hat der Wiener Psychiater Viktor Frankl schon in den 1930er Jahren beschrieben, lange bevor der Begriff "Sinnkrise" alltagssprachlich wurde und auch lange bevor seine eigene Zeit im Konzentrationslager seine Theorie auf die härteste denkbare Weise bestätigte: das existenzielle Vakuum, das Gefühl, eigentlich alles zu haben, was man haben sollte, und trotzdem eine tiefe Leere zu empfinden. 

Was hilft: Frankls eigener Ansatz, die Logotherapie, unterscheidet drei Wege zum Sinn, die er "Werte" nennt. Schöpferische Werte: Sinn durch Schaffen und Tun, etwas in die Welt bringen, sei es ein Projekt, ein Handwerk oder eine Idee. Erlebniswerte: Sinn durch Begegnung und Erleben, eine Beziehung, ein Stück Natur, ein Kunstwerk, das einen wirklich berührt. Einstellungswerte: wenn weder Schaffen noch Erleben gerade möglich sind, bleibt noch die innere Haltung zu dem, was sich nicht ändern lässt, Frankls eigener Weg während seiner Lagerhaft. Dieser dritte Weg ist bewusst als letzter gedacht, nicht als Ausrede, das Leben nicht aktiv zu gestalten.

3. Existenzielle Indifferenz

Schätzungsweise ein Drittel der Menschen fühlt sich weder erfüllt noch leer, ein stabiler, unaufgeregter Normalzustand, der von außen wie Stillstand aussehen kann, aber keine Krise ist. Diese Gruppe ist in der Forschung bisher kaum beachtet. 

Was hilft: vor allem die Entlastung selbst. Zwei Reflexionsfragen können dabei helfen: "Wenn alles so bliebe, wie es gerade ist, wäre das eigentlich ganz okay, oder schlecht?" Oder: "Was, wenn alles schon gut ist, so wie es ist?" Nur weil du nicht ständig vor Begeisterung brennst, muss nichts an deinem Leben "repariert" werden, ein ruhiger Normalzustand ist kein Defekt.

4. Psychische Krise oder Erschöpfung

Hier ist die Leere nur eines von mehreren Symptomen, meist begleitet von Überforderung, Schlafproblemen oder Rückzug. Eine psychische Krise ist noch keine psychische Erkrankung, kann aber in eine übergehen. 

Was hilft: weniger Reflexion, mehr konkrete Entlastung im Alltag: weniger kleinteilige To-dos, besserer Schlaf, moderate Bewegung statt sportlicher Höchstleistung, eine selbstbestimmtere Tageseinteilung. Das sind allgemeine, gut belegte Bausteine der Erschöpfungs- und Burnout-Erholung, kein Ersatz für eine individuelle Abklärung. Halten die Symptome länger als zwei, drei Wochen an oder schränken sie den Alltag spürbar ein, ist der nächste Schritt eine Hausärztin, ein Therapeut oder eine Beratungsstelle, nicht als Ersatz für das oben Genannte, sondern als Ergänzung.

5. Vorübergehende Lebensphase

An einen konkreten Auslöser gebunden (Jobwechsel, Trennung, runder Geburtstag), real, aber meist zeitlich begrenzt. 

Was hilft: den Auslöser klar benennen, statt ihn hinter dem großen Wort "Sinnkrise" zu verstecken. 

Aus meiner Praxis: 

Was mir in Coachings immer wieder begegnet: Viele kommen mit stark dramatisierter Sprache, gerne mit Anglizismen gespickt, und einer Selbstdiagnose, die vorher ergoogelt oder von einer KI vorgeschlagen wurde, und es gibt dann meist wenig Anlass zur Sorge. Umgekehrt sind es nicht selten die Menschen, die am wenigsten Aufhebens machen, die tatsächlich am stärksten belastet sind, was wiederum nicht unproblematisch ist, weil sie ihre Probleme dadurch eher herunterspielen. 

Was auf viele gleichermaßen belastend wirkt, sind die Umbrüche und Unsicherheiten unserer Zeit, etwa Politik, Umwelt, künstliche Intelligenz oder Klima. Meine Aufgabe im Coaching ist, zu verstehen, zu hinterfragen, zu sezieren, zu relativieren und zu entzerren, um herauszufinden, worum es wirklich geht und was zu tun ist. Mitunter hilft es einfach, die unterschiedlichen Themenstränge und Problemschilderungen zu entwirren, um eine Klarheit zu schaffen, die zu einem von drei Gefühlen führt: Das ist lösbar. So schlimm ist es gar nicht. Oder: Jetzt verstehe ich, worum es eigentlich geht.

Birgit Berndt | Diplom-Psychologin und Coach für Sinn, Identität und psychologischen Reichtum

Vielleicht hast du beim Lesen schon gemerkt, welcher der fünf Zustände gerade am ehesten auf dich zutrifft, oder dir ist klar geworden, dass die Antwort komplizierter ist, als das Wort "Sinnkrise" vermuten lässt. Genau dafür bin ich da: Ich helfe dir, genauer hinzuschauen und herauszufinden, worum es bei dir wirklich geht. Wenn du magst, fangen wir gemeinsam an, in einem → kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch.