Zuhören wie Momo

Über eine fast vergessene Kunst

Als Kind habe ich Momo auf drei Kassetten rauf und runter gehört. Ich wünschte mir, so zu sein wie sie, das Mädchen aus Michael Endes Geschichte, das so zuhören kann, dass andere dabei spüren, was für sie im Wesentlichen zählt. Momo tut nichts Besonderes, außer zuzuhören. Und doch finden die Menschen, während sie sprechen, plötzlich eigene Gedanken, Mut, Klarheit. Nicht, weil sie Ratschläge gibt, sondern weil sie einen Raum schafft, in dem der andere sich selbst zuhören kann.

(Das Bild ist KI-generiert: mein Gesicht, Momos Körper und ihre Schildkröte Kassiopeia.)

Dieses Zuhören ist heute mein Handwerk und mein Herzensanliegen. Und je länger ich als Psychologin und Coach arbeite, desto mehr bin ich überzeugt: Es ist eine der leisesten und zugleich wirksamsten Kräfte, die uns zur Verfügung stehen. Und eine, die uns gerade abhandenzukommen scheint.

Wir reden viel und hören selten zu

Michael Ende hat die Diagnose längst gestellt. In seinem Buch sind Momos Gegenspieler die grauen Herren, die den Menschen ihre Zeit stehlen. Und je mehr Zeit die Leute zu sparen glauben, desto gehetzter werden sie, desto kälter, desto weniger hören sie einander zu. Am Ende hat niemand mehr Zeit für den anderen, obwohl doch alle ununterbrochen Zeit sparen.

Man muss heute nur durch eine Fußgängerzone gehen, in der die meisten auf ihr Handy blicken, um zu ahnen: Die grauen Herren haben ganze Arbeit geleistet. Wir produzieren pausenlos Inhalte und senden auf allen Kanälen, und trotzdem, oder gerade deshalb, ist echtes Zuhören selten geworden. Etwas überspitzt: Alle reden, kaum jemand empfängt noch die Botschaften.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagt ein Sprichwort. Ich lese das Gold nicht als teilnahmsloses Verstummen, sondern als aufmerksames Zuhören, das den anderen wirken lässt.

Meistens hören wir nur, bis wir wissen, was wir selbst sagen wollen. Wir warten nicht auf das Ende des Satzes, wir warten auf unsere Stichworte. Wir hören zu, um zu antworten, nicht, um zu verstehen. Dazwischen leuchtet das Handy auf, der nächste Termin drängt, die eigene Meinung liegt schon bereit zum Rausposaunen.

Das ist kein moralischer Vorwurf, das ist eine Beobachtung. Aufmerksamkeit ist heute die knappste Ressource überhaupt, und ganze Industrien sind darauf ausgelegt, sie uns zu rauben. Umso kostbarer wird das, was Momo konnte: einem Menschen ungeteilt zuzuhören, ohne sofort zu bewerten, zu belehren oder ein Problem lösen zu wollen.

Denn genau bei diesem Zuhören passiert etwas, das die meisten unterschätzen.

Während wir sprechen, denken wir

Der Dichter Heinrich von Kleist hat diesen Gedanken vor über zweihundert Jahren in einem kleinen Essay beschrieben: "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden." Seine Beobachtung: Der Gedanke ist beim Sprechbeginn häufig noch gar nicht herangereift. Er entsteht erst im Sprechen selbst, am Gegenüber, Satz für Satz. Wir reden uns nicht nur etwas von der Seele. Wir denken uns beim Reden überhaupt erst zu Ende.

Das erlebe ich in meiner Arbeit täglich. Menschen kommen mit einem diffusen Knäuel aus Gefühl und Ahnung. Und während sie es in Worte fassen, ordnet sich etwas. Sätze, die mit "Ich weiß auch nicht" beginnen, enden manchmal mit "Jetzt, da ich es ausspreche, wird mir klar, dass …". Das ist kein Zufall. Das ist der eigentliche Mechanismus.

Das heißt: Ein großer Teil dessen, was wir Lösung nennen, entsteht nicht durch den klugen Rat von außen. Sondern dadurch, dass jemand da ist und zuhört, während wir uns selbst auf die Spur kommen.

Manchmal geht es noch tiefer. Wenn Menschen sich beim Reden selbst zuhören, hören sie einen Gedanken zum ersten Mal laut, in einer Deutlichkeit, die ihnen vorher nicht bewusst war. Manchmal überhören sie ihn aber auch und reden über den entscheidenden Satz einfach hinweg. Dann frage ich schon mal nach: Hörst du, was du da gerade gesagt hast?

Denn was zuvor als diffuses Gefühl oder unförmiger Gedanke in ihnen schlummerte, bekommt im Aussprechen plötzlich eine Gestalt. Und dann passiert etwas Faszinierendes: Menschen erschrecken über das, was sie da gerade gesagt haben. Weil sie erst in diesem Moment verstehen, wie sie wirklich über sich und die Welt denken. Das kann aufwühlend und heilsam zugleich sein. Manchmal merken sie, dass ein Gedankengang gar nicht schlüssig ist. Dass sie einem alten Glaubenssatz aufgesessen sind. Oder dass sie sich eine Wahrheit lange nicht auszusprechen getraut haben, bis sie plötzlich im Raum steht.

Wir erzählen uns unsere Identität

Zuhören hilft nicht nur, ein Problem zu klären. Es hilft uns, zu werden, wer wir sind.

Denn Identität ist kein fester Kern, den wir nur freilegen. Sie ist auch eine Geschichte, die wir über uns erzählen: eine Auswahl aus allem, was uns passiert ist, in eine Reihenfolge gebracht, mit einer Bedeutung versehen. Der Persönlichkeitspsychologe Dan McAdams nennt das narrative Identität. Wir verstehen uns selbst, indem wir uns erzählen.

Nur: Ein Geschichtenerzähler braucht ein Gegenüber. Wer erzählt, ohne gehört zu werden, verstummt irgendwann auch innerlich. Wer aber jemanden hat, der wirklich zuhört, kann die eigene Geschichte laut werden lassen und dabei zum ersten Mal prüfen, ob sie noch stimmt. Ist das eigentlich noch meine Erzählung? Oder eine, die ich irgendwann von anderen übernommen habe? Passt das alte "So bin ich eben" noch, oder ließe sich dieselbe Geschichte auch ganz anders erzählen?

Genau hier wird Zuhören zum Werkzeug der Identitätsarbeit. Ein aufmerksames Gegenüber ist wie ein Spiegel, der nicht verzerrt. Es gibt uns nichts vor. Es hält den Raum, in dem wir uns selbst näherkommen können.

Warum das mit Sinn und Lebendigkeit zu tun hat

Vielleicht klingt das alles nach einem angenehmen Extra. Es ist aber mehr.

In meiner Arbeit begegne ich oft Menschen in einem Zustand, den die Psychologie Languishing nennt: nicht krank, aber auch nicht wirklich lebendig. Sie funktionieren, erfüllen Erwartungen und spüren doch, dass die Farben des Lebens leiser gedreht sind. Und auffallend häufig gehört dazu ein leises, kaum benanntes Gefühl: sich von niemandem wirklich gehört zu fühlen. Nicht im Sinne von Aufmerksamkeit für die Fassade, sondern im Sinne von: dass ich als Mensch zähle. Die Psychologie nennt das Mattering, das Gefühl, für andere von Bedeutung zu sein. Und oft gehört die Kehrseite dazu: sich mit dem, was einen bewegt, niemandem zumuten zu wollen.

Sich wirklich gehört zu fühlen, ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis. Es sagt uns: Ich bin nicht allein, und was in mir vorgeht, zählt. Aus diesem Gefühl, zu zählen, wächst Verbundenheit. Und Verbundenheit ist einer der stabilsten Wege zurück in ein Leben, das sich lebendig anfühlt. Vom bloßen Funktionieren hin zum Aufblühen.

Vielleicht reicht die Wirkung des Zuhörens sogar über den einzelnen Menschen hinaus. Der Dalai Lama hat einmal, überliefert durch seinen Weggefährten Franz Alt, einen einfachen Dreischritt vorgeschlagen: mehr zuhören, mehr nachdenken, mehr meditieren. Er sagte das mit Blick auf die großen Konflikte dieser Welt, die aus unseren negativen Emotionen entstehen. Zuhören ist in diesem Sinn nicht nur Zuwendung für einen Menschen. Es ist auch eine leise Form, die Welt ein wenig verträglicher zu machen.

So gesehen ist Zuhören weit mehr als eine Gesprächstechnik. Es ist eine Form von Zuwendung, die einem Menschen zurückgibt, was im Languishing verloren geht: das Gefühl, dass er zählt, dass seine Geschichte Gewicht hat, dass er sich selbst wieder spüren darf.

Zurück zu Momo

Vielleicht ist das das eigentlich Schöne an dem Momo-Bild. Sie besitzt keine besondere Gabe, keine Technik, keinen Trick. Sie ist einfach ganz da. Und das genügt, damit die Menschen um sie herum klarer, mutiger und mehr sie selbst werden.

Ich glaube, diese Kraft steckt in jedem guten Gespräch. Man muss nicht Psychologin sein, um sie zu nutzen. Manchmal reicht es, einem Menschen wirklich zuzuhören, ohne gleich zu antworten, ohne gleich zu lösen, ohne das Handy in der Hand. Es ist eines der größten Geschenke, die wir einander machen können, und eines der seltensten geworden.

Zum Weiterdenken: Wann hat dir zuletzt jemand so zugehört, dass du dich selbst besser verstanden hast? Und wem könntest du heute dieses Zuhören schenken?

Birgit Berndt | Diplom-Psychologin und Coach für Sinn, Identität und psychologischen Reichtum

Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, wie selten dir jemand wirklich zuhört. Und wie selten du dir selbst zuhörst. Genau dafür bin ich da: Ich höre hin, frage nach und halte den Raum, in dem du dir auf die eigene Spur kommst. Wenn du magst, fangen wir gemeinsam an, in einem → kostenlosen, unverbindlichen Erstgespräch.